Geld regiert die Welt
Hier scheint ziemlich viel Geld in die Bildung zu fließen, im Gegensatz zu Deutschland.
Die Schule verleiht Instrumente kostenlos; hat noch jede Menge auf Lager; jeder Klassenraum ist mit einem PC für den Lehrer ausgestattet (und natürlich Netzwerkanbindung); die Lehrer verteilen Blöcke und all son Zeugs kostenlos innerhalb ihrer Stunden; in den Engineering-Räumen hat man jede Menge Fischer-Technik angeschafft; und die Räume eines jeden Faches, das irgendwie was mit PCs zu tun haben könnte, sind mit PCs für jeden Schüler ausgestattet (Business-Räume, Engineering-Räume, Computer Science, … – da kommt man sicher auf 10 bis 15 Räume, die vollständig mit PCs und Netzwerkanbindung ausgestattet sind). Beamer natürlich auch, davon gibt’s auch genug. Tageslichtprojektoren gibt es nicht mehr, dafür ähnliche Geräte, die aussehen wie Schreibtischlampen und die an den Beamer angeschlossen werden. Praktische Dinger.
Die Band hat ihre eigene Halle, jede Menge Lizenzen für Musikstücke natürlich auch, Sporthallen, und noch andere Gebäude (von denen manche teilweise noch vom Militär/der Regierung mitgenutzt werden, aber das sind nur die weiter äußeren). An Personal scheint es auch nicht zu mangeln, und vor allem hat der Tyler Independent School District (Tyler ISD – ein Zusammenschluss aus vielen Schulen in Tyler) auch eine wirklich schöne – so scheint es mir jedenfalls – Softwarelösung gefunden, mit der alle Schulen arbeiten: Da laufen Stundenpläne, Abwesenheitslisten, Schülerlisten, Notenbücher, Klassenbücher (die man aber in der High School nicht mehr braucht) – das läuft alles dort bei dieser Software zusammen. Schon beeindruckend irgendwie. Muss aber auch ordentlich kosten.
Und die Kirchen – die 200 Kirchen hier am Ort – beziehen ja auch irgendwo her ihr Geld. Ich meine, Instrumente, Gebäudeinstandhaltung (oder -Neubau), Innenausstattung, Mitarbeiter, das kostet ja auch was.
An Kohle scheint’s hier also nicht zu mangeln…
Different
Die Polizeipräsenz an dieser Schule ist ziemlich groß, okay, das ist bei 2000 Schülern auch berechtigt. Niemand darf länger als 5 Minuten durch die Gänge schleichen, und wer außerhalb der Pausen irgendwo auf einem Gang ist, der muss einen “Hall Pass” haben. Niemals auf dem Flur stehen bleiben und mit anderen reden, auch das ist verboten. Man kann, wenn ich die morgentliche Ankündigung richtig verstanden habe – sogar suspendiert werden, wenn’s öfter als einmal vorkommt.
Freitag morgens war dann “School Spirit”. Und es war wie in den typischen amerikanischen Schul-Serien – man kam in die Sporthalle und wurde erschlagen von der amerikanischen Protzkapelle a.k.a. Marching Band, in der ich dann auch später mitspielen werde. Vorne auf den Bänken saßen die Football-Spieler der JT Lions in ihren blauen Trikots, links und rechts standen die Cheerleader, hinten in der recht kleinen Halle – und zwar untypischerweise nicht in den blauen Uniformen der wie der Name schon sagt “Big Blue Band” der John Tyler High School, sondern in schwarzen T-Shirts. Hier muss man auch performen können in der Marching Band, wie genau das funktioniert, werd’ ich noch lernen… War aber ziemlich beeindruckend.
Wegen dem “School Spirit” wurde ich auch von meinem Engineering-Lehrer mit einem “Kotsch, gehen Sie dort hin” begrüßt. Der Herr will mich anscheinend damit beeindrucken, dass er ein ganz klein wenig Deutsch kann und irgendwann mit’m Militär in Deutschland stationiert war (so wie mein Gastvater übrigens auch, nur dass der Englisch mit mir spricht und mich nicht beeindrucken will). Ansonsten scheint er aber ziemlich… kontrollsüchtig zu sein, wie mir scheint. Alles muss nach Plan laufen, und was er lehrt, scheint ganz offensichtlich nicht von ihm zu sein, da könnte ich mich auch genauso nach vorne stellen und Blätter austeilen. So ganz viel von Präsentationen versteht er auch nicht, denn als “gutes” Beispiel legt er mir hier eine Präsentation mit drei Seiten Fließtext für einen Unterpunkt aus, zudem wurde seitenweise Zeugs ausm Internet kopiert.
Lehrer sind hier sowieso so eine Sache, und der Unterricht auch. Hier kann der Spanischlehrer auch im Unterricht mit seinem eigenen Handy laut HipHop oder eben spanisch-mexikanische Musik hören, manche Lehrer halten es auch manchmal für angebracht, einfach nichts im Unterricht zu tun – 1,5 Stunden muss man ja irgendwie tot schlagen. In Physik werden hier Einheiten hin und her gerechnet, Liter nach Gallonen, Pecks nach Pints, Foot nach Inches oder weiß der Henker. Was man in Deutschland eben in der 6. Klasse in Mathe lernt, Einheiten und wie man mit ihnen spielt. Das ist Physik Stufe 11 USA High School.
In dieser verdammt riesigen Schule hab’ ich immer noch Probleme, mich zu orientieren, was mir ja eigentlich eher nicht passieren sollte. Aber das meiste an Unterricht ist bei mir draußen, weshalb ich eben etwas länger brauche, um mich in den fünf Blocks drinnen orientieren zu können. D13 – wie komm ich denn da jetzt hin? Gute Frage, nichts-helfende Antwort: Auf jeden Fall zu spät. Haha.
Warum glaubt eigentlich jeder, dass ich sein Englisch verstehe, wenn er schnell und mit Slang spricht? Warum? Ich meine, ich kann ja nicht mal das Schweizerdeutsch verstehen, folglich manche Amis vielleicht auch andere Dialekte nicht, aber ich soll ihren kennen? Manche meinen, ich hätte einen starken Akzent, andere sagen, ich wäre schon ziemlich gut und würde nicht mehr allzu viele Fehler machen… was ich sagen kann, ist, dass Alex – mein Gastbruder aus der Slovakei – einen starken Akzent hat.
Übrigens lernt man hier im English AP den ganzen rhetorische-Analyse-Quatsch nochmal anders, als ich es in Deutschland gelernt hab.
Eins frage ich mich ja immer noch. TravelWorks hat uns erzählt, dass hier in den USA ganz viele Jugendaktivitäten von der Kirche ausgehen. Nun, ein Problem tut sich da bei mir in diesem Ort auf: Hier gibt es 200 Kirchen. ZWEIHUNDERT verschiedene Kirchengemeinden, jede von ihnen hat ihre eigene Kirche aufgebaut. Manche haben nur 40 Mitglieder, die größte hat glaube ich 8000. Und in jedem noch so kleinen Ort wird man immer zwei Kirchen finden: Die Methodisten und die Baptisten, egal wie klein der Ort ist. Was eine Haarspalterei. :D
High School
Multikulturell, so könnte man es am besten beschreiben. Groß, riesig, verwirrend, chaotisch, multikulturell. You have the choice!
English, Business Support Systems, Economy, Business Design, Computer Science, Arts, Acting, Marching Band, Band, Engineering, Physics, Algebra, Calculus, Spanish, French, German, US History, Biology, Chemistry, Geometry, World Geography, World History, Government, Statistics, Speech, Business Management whatever you want.
Die Schule ist… groß. Einfach… groß. Räume von A1 bis E20, zusätzlich Sport-Halle, Band-Halle, New Field House, Old Field House, … und viel mehr. Ich muss jedes mal fragen, wenn ich irgendwo hin muss.
Mein erster Tag war chaotisch. Bis 10 Uhr haben wir im Office gesessen und zugehört, wie die Sekratärin rumtelefoniert hat – meistens auf Spanisch. Spanisch und Englisch sind hier die meist genutzten Sprachen, viele Lateinamerikaner leben hier.
Nun, gewählt habe ich die Marching Band (aber amerikanisches Marschieren, nicht “Military March”, wie das hier genannt wird), Englisch (Level 3 AP – AP bedeutet “Advanced Placement”, AP-Classes bereiten aufs College vor), Business Support Systems (ich hätt ja lieber Business Management gehabt…), Algebra (Level 2 PreAP – das ist Klasse 9-Niveau in Deutschland, da werd’ ich mich noch upgraden lassen), Spanisch (Level 1 – Beginners Course), Engineering, Physics und ich habe US-History (AP).
Auch lustig anzusehen ist die Sache mit den ethnischen Gruppen. Bei meiner Anmeldung an der High School wurde meine ethnische Gruppe erfasst. Auf meinem Stundenplan steht deshalb dick “WHITE”. Und zwar in Großbuchstaben, im Gegensatz zu den restlichen Angaben.
“Local ID: 1058969 Koch, Christopher WHITE 06-07-1994 Sept 1 Age: 15″
Die Hautfarbe spielt nämlich offensichtlich immer noch eine Rolle. Gerade mal 10% der Schüler an der JT sind weiß, und auch Weiße waren es, die als erstes auf mich zugegangen sind heute – am ersten Tag. Beim Lunch habe ich keine einzige gemischte Gruppe gesehen, entweder der Tisch “war” weiß oder eben hispanic/black. Gut, ich hab auch erst ein Mal Lunch gehabt – und es gibt vier verschiedene Lunch-Zeiten, immerhin gibt’s hier 2000 Schüler. Wann man Lunch hat, erfährt man erst dann, wenn man hingehen soll – nämlich in seiner jeweiligen Klasse.
Naja, ich werde meinen Stundenplan wohl noch ein wenig ändern. Aber das mach ich Montag erst.
Amerika…
(Die Liste werde ich noch erweitern…)
…da, wo es 200 Kirchen und Kirchengemeinden in einer 90 000-Einwohner-Stadt geben kann;
…da, wo die Highways rund um eine 90 000-Einwohner-Stadt auch vier-spurig sein können (und das sind viele Highways…);
…da, wo es mindestens 100 Shops rund um diese Highways gibt;
…da, wo es mindestens drei riesige Wal Marts in einer 90 000-Einwohner-Stadt geben kann;
…da, wo man 5 Dollar in einem Pizza-All you can eat-Laden zahlt;
…da, wo man gut und gerne die “Check Engine”-Lampe im Auto ewig ignorieren kann;
…da, wo man gut und gerne auch mal beim Fahren am Tempolimit rechts von einem Truck mit Überlänge überholt werden kann;
…da, wo das “Watch for Ice on bridge!”-Schild erst am Ende einer Brücke steht;
…da, wo man seinen Hund auch “tank” nennen kann (tank = dt. Panzer);
…da, wo man Jesus-Actionfiguren kaufen kann.
Chaos Family
Meine Familie ist kurz gesagt ein ziemliches Chaos. Das heißt, mein Gastvater – Robert. Meinen Gastbruder Elum hab ich noch gar nicht kennengelernt – der hat eine Freundin und seit kurzem auch ein Baby, weshalb er inzwischen vorübergehend bei seiner Freundin wohnt.
Hier ist es unordentlich, unaufgeräumt, durcheinander – aber ich mag’s. Der Typ ist eigentlich cool drauf, und wenn er am Piano sitzt, kommt er davon nicht mehr weg. Und das hat er drauf. Also, das Klavier spielen – im Gegensatz zur guten Organisation. Das Auto hat sein Pflegesohn halb schrott gefahren, und hier laufen jede Menge Tiere rum. Zwei Hunde, sechs Katzen, zwei Schlangen, irgenwas ChinChilla-mäßiges im Käfig und noch viel mehr mehr. Im Gegensatz zu all dem alten, ungepflegten Zeugs, was hier rumsteht, steht im Wohnzimmer ein riesiges Teil von LCD-TV. RIESIG. (Gut, ungepflegt sieht er auch aus) – aber: RIESIG. Ein richtig fettes Ding.
Inzwischen war ich auch schon in einem Wal-Mart. Das ist doch alles vollkommen oversized, völlig übertrieben – hab ich den Eindruck. Eine ganze Regalreihe nur für Kornflakes, eine ganze Reihe nur für Kekse.
Die Schule hat letzte Woche schon angefangen. Heute haben wir theoretisch ‘n Meeting mit dem Direktor. Aber niemand weiß, wann, und die Local Coordinatorin erreicht auch niemand. Und den Direktor sowieso nicht.