Diese Idee habe ich schon länger. Ich hab das schon mal Johannes Hebebrand, seiner seits betitelt mit “Prof. Dr.” und Leiter (?) der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Essen sowie Professor an der Uni Dui-Ess, per E-Mail vorgeschlagen. Der hat das Ganze in einer Vorstandssitzung der Fachschaft mitgenommen – hielt es glaube ich auch für eine recht gute Idee – aber dabei rumgekommen ist wohl: Zu teuer.
Wovor viele Eltern, besonders bei Töchtern, Angst haben sind Internet-Chatrooms. Eltern haben Angst vor Pädophilen, die Vertrauen zu den Jugendlichen aufbauen und dieses Vertrauen dann ausnutzen. Das kommt wohl daher, dass man sich im Internet sicher fühlt vor körperlicher Gewalt, man sieht in Chats sein Gegenüber nicht vor sich, sondern nur das, was er schreibt. Für das Gegenüber ist es dabei leichter, etwas vorzutäuschen – zum Beispiel Alter, Aussehen, etc. Man fühlt sich im Internet anonym und irgendwann vertraut man diesem Menschen, den man im Chat kennengelernt hat, so sehr, dass man ihn auch im “echten” Leben bereit ist zu treffen. So wird es wohl bei den einzelnen wenigen Fällen ablaufen, von denen man aus der Presse manchmal hört: Jugendliche läuft von zu Hause weg zu älterem Mann, den sie im Chat kennengelernt hat. Dabei wird dann lang und breit darüber diskutiert, inwiefern die Eltern dafür verantwortlich sind, ob sie die Freiheiten am PC nicht hätten einschränken sollen.
Aber nicht nur Jugendliche vertrauen im Internet mehr, sondern auch Erwachsene.
Eine andere Sache ist der Suizid. Es sterben jährlich mehr Menschen aus eigenem Willen als wegen Drogen, AIDS und Verkehrsunfällen zusammen. (Quelle) Noch sehr viele mehr quälen sich mit Suizidgedanken.
Ich muss “gestehen”, ich habe eine Art Experiment durchgeführt. Ich saß nun nicht auf der Seite des Jugendlichen, der von zu Hause weg läuft, sondern von jemandem, der versucht, sich Vertrauen zu “erschleichen”. In einem in Österreich und in der Schweiz bekannten Social Network angemeldet, hab ich einfach mal wahllos ein paar Mädchen in die Freundesliste geadded. Manche haben’s abgelehnt, viele haben angenommen; ich hab mal ein Foto hochgeladen und so weiter. Wie’s eben weiter geht, wenn man sich bei sowas anmeldet. Viele hatten auch Messenger-Adressen (MSN, …) in ihren Profilen stehen – und ich hab davon auch viele geadded. Manche findet man nett, manche finden einen selbst auch nett – und so kommt da eins zum andern. Das Ergebnis war, dass ich mich mit circa sechs bis acht Mädchen oft und lange unterhalten hab. Natürlich auch mit anderen, aber bei diesen hier war’s interessanter: Das familiäre Umfeld versagte, die Freunde waren auch nicht mehr die loyalsten, Beziehungen waren oft in den Brüchen – und manche hatten auch schon Suizidversuche hinter sich. Aber eben nur Versuche. Sich das Vertrauen zu “erschleichen”, nachzuhaken und die Geschichten zu erfahren war erschreckend einfach. Ich konnte auch ein wenig helfen; auch wenn sich manche Probleme, die zu den Suizidgedanken geführt hatten, sich von selber lösten. Ich war ganz einfach jemand, bei dem man sich drüber ausschreiben konnte.
Mit manchen ist der Kontakt abgebrochen, bei manchen geht er weiter – und einen akuten “Fall” habe ich noch, der sich auch wirklich als etwas schwieriger herausstellt.
Fazit der “Einleitung”: Menschen vertrauen eher Fremden im Internet statt den Menschen in ihrer Umgebung ihre Probleme an. Sie wissen nicht, wie diese Menschen in ihrer Umgebung reagieren würden; diese Menschen, von denen sie sozial sozusagen abhängig sind. Sie haben vielleicht Angst davor, sich selbst lächerlich zu machen (z.B. bei Liebesproblemen). Da kann es noch viel mehr Ängste geben. Im Internet fühlt man sich anonym, im Internet fühlt man sich sicher.
Und da möchte ich ansetzen: Warum nicht den Spieß umdrehen? Die “Vision”/Idee ist: Ein Internet-Portal für Jugendliche mit allen möglichen Problemen. Aber eben keines von diesen zwanghaft auf Kinder ausgerichteten Portalen, bei denen die Betreiber ihre Zielgruppe – Kinder und Jugendliche – nicht ernst nehmen. Wie zum Beispiel das: www.youngavenue.de – bei der Startseite fühlt man sich als Jugendlicher ja schon verarsc*t, es scheint mehr auf Kinder ausgerichtet zu sein. Klickt man eines der Häuser an, kommt man auf Informations-Seiten mit winziger Schrift und mit für Kinder teilweise unverständlichen Wörtern – da frage ich mich, WAS bringt das? Nichts. Wie dieses “Arbeitsblatt”(?) schön beschreibt, ist es wichtig, depressive Jugendliche ernst zu nehmen und zu respektieren – und vor allem, dass man Suizidankündigungen immer Glauben schenken soll.
Nein, ein modernes Portal für Jugendliche, das sie allein schon vom Design her ernst nimmt. Die Funktion der Webseite ist recht einfach: Jugendliche können Psychiatern/Psychologen/Psychotherapeuten von ihren Problemen erzählen, die für Erwachsene manchmal lächerlich klingen, für sie selbst jedoch große Hürden darstellen. Dabei dient das Portal nur als Mittelsweg, es sollte zum einen einen eingebauten Chat geben, der genutzt werden kann; und zum anderen sollten die Kommunikationsmöglichkeiten geboten werden, die Jugendliche auch sonst im Internet nutzen. Also Instant-Messenger wie ICQ, MSN, Skype und so weiter. Die Anonymität ist Vorteil und Nachteil: Der Vorteil ist, dass die Jugendlichen schneller vertrauen und dass somit ihre Probleme schneller bzw. überhaupt gelöst werden, je nach Fall. Auf den Nachteil komme ich gleich zurück.
Dabei tun sich jedoch mehrere Probleme auf:
Womit sollen die Psychiater, also die Ärzte, die “bereitstehen”, bezahlt werden? Es wäre durch Werbeeinnahmen möglich, wobei Werbung der Seite ein bisschen die Glaubwürdigkeit nehmen würde, wenn sie falsch platziert wird. Aber mit Werbung verdient man äußerst wenig. Außerdem könnte es da ein anderes Problem geben: Wenn die Menschen eine “echte” Praxis besuchen, zahlen sie oder ihre Krankenkasse Geld. Hier zahlen sie nichts.
Zweitens ist es leichter, Lügen zu erzählen. Der “Behandelnde” weiß nicht, ob der Jugendliche wirklich die Wahrheit erzählt oder ob er nur Langeweile hat und sich über “ernste” Menschen lustig machen will o.ä. – Das heißt, man müsste den Missbrauch verhindern.
Drittens – wenn ein Jugendlicher wirklich authentisch damit droht, sich umzubringen oder sich zu verletzen, dann ist die Anonymität ein großes Hindernis für den “Behandelnden”.
Wie könnte man diese Idee umsetzen? Sind die Probleme lösbar? Gibt es noch mehr Probleme oder Dinge, die man beachten müsste? Wer würde so ein Projekt unterstützen? Und, das ist schon sehr weitreichend, wo kann man denn Internet-versierte Psychiater “auftreiben”, die ein solches Projekt auch unterstützen würden?
Herr Hebebrands Absage beinhaltete übrigens auch die Kosten-Antwort…
Während wir sehr wohl wissen, dass Jugendliche dazu neigen, psychische Probleme auch im Internet darzustellen bzw. sich hierdurch Hilfe holen, sehen wir keine gute Möglichkeit, Ihrem Anliegen gerecht zu werden. Hier gilt es, eine ganze Reihe rechtlicher Probleme zu beachten; es scheint auch nicht realistisch bezahlbar zu sein. Stellen Sie sich vor, dass man täglich für 1 oder 2 Stunden Kontakt zu einem solchen Experten hätte. Eine Stunde kostet grob 100 €; letztlich müssten also pro Monat mindestens ca. 3000 € einkalkuliert werden.
Auch wenn ich durch die Idee quasi schon ein Job-Angebot hab… (sinngemäß)
Sie beschäftigen sich ja schon sehr mit Kinder- und Jugendpsychiatrie! Falls Sie mal Kinder- oder Jugendpsychiater werden wollen, melden Sie sich bei mir!
…ist es dennoch schade. Wäre ein Projekt gewesen, was mir besonders Spaß gemacht hätte.