Sonntag, 7.6.
Um viertel nach sieben morgens ging’s los. Der Zug fuhr ab in Richtung Hannover; 13 Stunden Fahrt waren vor uns, sechs Mal umsteigen, einmal Bus fahren. Den Bericht vom Besuch aus Polen findet man hier…
Paderborn -> Hannover -> Braunschweig -> Magdeburg -> Berlin Ostbahnhof -> Berlin Lichtenberg -> Küstrin (Kostrzyn)
Und dann mit dem Bus nach Skwierzyna oder auch Schwerin an der Warthe. Die Bahn hatte überraschenderweise nicht ein einziges Mal Verspätung! Auch bei der Rückfahrt nicht. Dazu mal ein kleines Lob ;)
Als Begleitung fuhren Herr S. und seine Frau mit, die übrigens beim Polen-Besuch gar nichts damit zu tun hatten. Trotzdem waren sie dabei und Herr S. ist allgemein als ein sehr lockerer Lehrer bekannt, der auch über alles lachen kann. Das waren schonmal gute Aussichten – auch wenn wir jetzt schon wussten, dass er im allgemeinen keinen Plan haben würde und auch keine Informationen haben würde.
Für die Interessierten kommt ein ca. 1190 Wörter langer Blogeintrag über den ersten Tag… click it!
Die Zugfahrt verlief bis Hannover eigentlich ruhig. Als wir dann in Hannover umgestiegen sind in den Zug nach Braunschweig, lief nach 5 Minuten plötzlich einer unserer polnischen Austauschschüler durch unser Abteil auf Toilette. Ja was zum?! War der das jetzt wirklich? Nach 8 Monaten wussten wir nicht, ob er es jetzt wirklich war oder nicht. Wir wollten der Sache auf den Grund gehen und liefen entgegen seiner Richtung dahin, wo er hergekommen war. Und tatsächlich trafen wir drei unserer Austauschschüler im Zug. Wieso zum Teufel…?! Sie waren wirklich nur zufällig im Zug! Es war eine 11-köpfige Gruppe, die gerade aus Holland wiederkam – da waren die eine Woche lang mit dem Fahrrad durchgegurkt, “to promote our land”. Die Holländer sind wohl im Gegenzug vorher schon in Polen gewesen.
Um genau zu sein: Meiner war nicht dabei. “Nur” Tomek, Wojciech (ausgesprochen Woitek) und Kamil waren im Zug. Oder doch Damian statt Kamil? Oder beide? Keine Ahnung. Insgesamt sind sieben Deutsche vom Programm abgesprungen – sie haben einen polnischen Schüler aufgenommen, wollten aber nicht mehr dahin. Zwei sind nachgerückt.
Bis Berlin Ostbahnhof war die polnische Gruppe dann noch mit uns im Zug; mit ihnen unterhalten haben wir uns bis zum Umstieg in Magdeburg. Komischerweise mussten wir beim Ostbahnhof aussteigen, während die Polen bis Frankfurt (Oder) weiterfuhren und von dort aus irgendwie nach Skwierzyna kamen. (Auch wenn mir www.db.de erzählt, dass sie dann erst nachts zu Hause waren: Sie waren eine Stunde früher in Skwierzyna als wir.)
Denn in Magdeburg verloren wir uns aus den Augen. Ab Magdeburg saßen wir auf Notsitzen und hatten vier “Schleifs” am Hintern kleben. Faktisch schienen es verwöhnte besoffene Abiturienten zu sein, die uns irgendeinen Müll von Fußball-Schlägereien und -Matches erzählten und damit den Mädchen imponieren wollten. Sie erzählten uns, dass sie keine Karten hätten und riefen außerdem nach Herrn S., dessen Namen sie aufgeschnappt hatten. Zur Fahrkartenkontrolleurin meinten sie dann, dass ihre Fahrkarten auch bei Herrn S. seien. Eigentlich hatten sie drei Karten – der vierte simulierte dann ein Handygespräch und lief genervt mit dem Handy am Ohr davon. Uns laberten sie dann voll damit, dass wir Zivilcourage beweisen würden, indem wir sie auf unseren Karten mitfahren ließen. Geht klar, ihr Klappspaten, sonst nichts besseres zu tun? Ich weiß nicht mehr, welche Marke die Jacken hatten, aber jemand meinte, dass man die nicht bekommen könnte ohne 300 Euro ärmer zu werden.
Einen Witz haben wir uns aus dem Fluchtweg gemacht, der laut der Schaffnerin immer frei bleiben müsste. Lustig wurde es dann, als die vier Klappspaten die Schaffnerin darauf angesprochen haben, dass die stehenden Leute im Gang auch keinen Fluchtweg bahnen würden.
Hier, äh, gute Frau, fluchtwegstechnisch ist das hier aber nicht so toll! Also das geht ja mal gar nicht hier!
Sie hat’s ignoriert, wir fanden’s lustig. Das Thema mit der Zivilcourage hatten sie dann noch die ganze Fahrt über bis nach Berlin drauf. Haben einen auf dicke Hose gemacht und uns von ihren Stadions-Schlägereien erzählt. Das heißt, sie haben es sich so laut gegenseitig erzählt, dass wir gezwungen waren mitzuhören – was wohl die Absicht war. Außerdem meinten sie, dass es Zivilcourage sei, nicht mit den “dreckigen Bullen” zu reden und alles zu verpetzen. Yo, meine Homie-motherfuckers, geht klar, alter.[1] Ich zeig euch gleich Zivilcourage, danach sitzt ihr aber nicht mehr im Zug!
Als wir diese Schleifs dann am Alexanderplatz in Berlin loswurden, ging alles ruhig bis Küstrin weiter. Küstrin liegt kurz hinter der Grenze, von dort an sind wir dann mit einem Doppeldecker weitergefahren.
Eins steht fest: Polens Straßen sind langweilig. 20 Kilometer geradeaus, ich schlaf gleich ein…
Zweite Feststellung: Polens Straßen sind kaputt. Sehr kaputt. Sogar schlimmer als Litauen, wobei das auch einen einfachen Grund hat: In Polen fahren Autos drüber, in Litauen ist nicht so viel Verkehr. Da kann höchstens ein kalter Winter die Straße zerstören.
Auch eine dritte Feststellung gibt es: Es gibt Bushaltestellen mitten in der Pampa. Und unnütze Zebrastreifen ohne Ende! Denn in Polen kann man anscheinend nicht erwarten, dass die Autos anhalten, wenn man am Zebrastreifen steht.
In Skwierzyna angekommen, wurden wir am Bahnhof von den Gastschülern abgeholt. Meiner wohnte im “Stadtzentrum”, direkt beim Rathaus gegenüber von ein paar kaputten Läden; mitten in einer winzig kleinen Fußgängerzone.
“And… where do you live?”
“I live in a… a…”
“Flat? House?”
“No, in a Wohnblock.”
Ah, da kommen die 2 Jahre Deutsch mal durch. Naja, Englisch ist besser. Er hat einen Bruder, der Student ist, und der Vater ist von zu Hause ausgezogen. Außerdem zieht er in zwei Wochen um, deshalb ist die Wohnung etwas leer. Naja, ist ja okay.
Bei ihm angekommen, zeigt er mir das Zimmer, in dem ich schlafen soll. Er weicht aufs Wohnzimmer aus, ich schlafe in seinem Zimmer – welches das größte Zimmer der 5-Zimmer-Erdgeschosswohnung zu sein scheint. Wie fast überall in Polen sieht das Haus von außen seehr kaputt und heruntergekommen aus, von innen ist es sauber und eigentlich auch recht hübsch. Man hat zwei PCs und einen Laptop sowie einen Internetanschluss. Viel wichtiger als hier sind in Polen Handys. Viele haben gar keinen Festnetzanschluss, sondern Handys und ich glaube meistens sogar Flatrate-Tarife. Fast alles wird da über das Handy abgewickelt; jedoch tritt das Internet auch immer weiter nach vorne. Das Handy kann es jedoch nicht schlagen, auf keinen Fall.
Kacper – ich muss übrigens korrigieren, es wird Kazper und nicht Kasper ausgesprochen – hat viele Pokale und Medaillen in seinem Zimmer stehen. Er spielt Bridge, und zwar recht erfolgreich – auch wenn er von Mittwoch bis Samstag (10.6. bis 13.6.) bei den polnischen Meisterschaften nichts gewonnen hat.
Am Abend sind wir dann noch alle zusammen in eine kleine Kneipe gegangen. Natüüürlich haben alle nur Cola getrunken. <hust>
Update!
Nachdem wir um 22:30 aus der Kneipe raus waren, sind wir noch durch Skwierzyna gezogen. Ein paar waren schon gegangen, andere blieben bei uns.
Die vierte Feststellung ist, dass fast alle unserer polnischen Austauschschüler kiffen. Kiffen, nicht rauchen! Mein Gastschüler rauchte nicht, sondern er kiffte “nur”. Von uns kifft niemand, soweit ich weiß – aber es rauchen ein paar. Muss Herr S. aber nicht mitbekommen.
So viel zu Tag eins, die Tage Montag bis Samstag werden etwas spannender ;) Vor allen der zerbombte Weltkriegsbunker war eine interessante Tour. (Die aber privat war und nicht auf dem Plan stand…)
[1] Ich spreche Sarkasmus. Fließend.
werden wir was über den bunker und den rest auch noch was hören??
Aber natürlich. Wär aber unsinnig das alles in einen Eintrag zu packen…