Zensur!

oder: Warum die Netzsperren SCHWACHSINN sind.

Eigentlich sollte es ja eine gute Idee sein, dass Frau von der Leyen Webseiten mit Kinderpornographie sperren will. Nur löst man damit das Problem der Kinderpornographie nicht!

Gehen wir zur Lösungsfindung erst einmal auf eine ziemlich einfach zu beantwortende Frage ein: Warum ist Kinderpornographie verboten? Wie gesagt, einfache Frage, einfache Antwort: Um den Kindern Leid zu ersparen. Es liegt nicht im Ermessensspielraum von Kindern, zu entscheiden, ob sie an einem Kinderporno teilnehmen wollen. Ich glaube kaum, dass die das freiwillig tun.

Nunja. Wenn wir nun Webseiten mit Kinderpornographie zensieren, nicht schließen, zensieren (!), dann hilft uns das recht wenig. Es verärgert allerhöchstens den Konsumenten, Frau von der Leyen, der deshalb das, was Sie sich wahrscheinlich am meisten wünschen, nicht mehr tun wird: Sie, beziehungsweise die CDU wählen. Also ist das ganze sogar hinsichtlich der Wählerfindung ziemlich schwachsinnig. Denn wenn den Webseiten-Anbietern die Besucher aus Deutschland fehlen, wird es die Anbieter wahrscheinlich nicht davon abhalten, weiter kinderpornographisches Material online zu stellen.

Außerdem existiert keine Kinderpornoindustrie mit Millionen-Umsätzen, wie Rechtsanwalt Udo Vetter schon erklärt hat. Auch dieses Argument ist somit schlichtweg falsch.

Und Jörg Tauss von der SPD hat bei seinen Recherchen, die ihn letztendlich vielleicht sogar (ironischerweise durch von ihm selbst initiierte Gesetze) in den Knast bringen werden, festgestellt, dass Kinderpornoringe gar nicht mehr im Internet arbeiten. Es ist nämlich ganz einfach so, dass das Internet zu gefährlich ist. Das Internet vergisst eben nie, wie ja übrigens auch das Live-Experiment zur Sensibilisierung von Schülern und Eltern zum Thema Privatsphäre, Cybermobbing und (Eigen-)Datenschutz heißt.

Zitat aus Jörg Tauss’ Statement zum Vorwurf der Kinderpornographie:

Hieraus wurde im Laufe der Zeit zwangsläufig eine immer stärkere Beschäftigung mit dieser „Szene“.

Im Gegensatz zu allem Unfug der auch von amtlichen Stellen verbreitet wird, werden Sie im Internet aber nicht „zufällig“ auf kinderpornografische Seiten oder gar auf einen der so genannten „Kinderpornoringe“ stoßen.

Es gibt heute nach meiner Erfahrung nur noch geschlossene Benutzergruppen und eine entsprechende Vorsicht. Sie kommen dem überhaupt auch nur nahe, wenn Sie szenetypisch auftreten und selbst „Material“, sozusagen als Eintrittskarte, anzubieten haben. „Ich schicke Dir und Du schickst mir – so sind wir beide „abgesichert“. Das begründet, warum ich das wenige selbst erhaltene kinderpornographische Material aufbewahrt habe.

Ich habe mich im Jahr 2007 aufgrund entsprechender Hinweise von Informanten über im Fernsehen beworbene pornografische Telefonhotlines und mit Decknamen wie „Werner“ dieser „Szene“ zu nähern versucht. Man hatte mir berichtet, dorthin habe sich der sogenannte „Kinderpornoring“ inzwischen verlagert. Es ginge dort nicht nur um den Austausch von Bildern sondern um Angebote zum tatsächlichen Missbrauch von Kindern.
Meine Recherchen hatten zwar eine Reihe von Kontakten zu Pädophilen zur Folge, die jedoch zu nichts führten, außer dem Erhalt einiger MMS. Lediglich in einem Fall erhielt ich einen Datenträger mit einschlägigem Material per Post zugesandt.

Da ich wenig für ihn interessantes Tauschmaterial hatte, wollte er einschlägiges Material nur gegen Zahlung von 100 € liefern. Ich zahlte und erhielt mehrere Datenträger, die zwar wiederrum nur teilweise lesbar waren, aber offensichtlich einschlägig gewesen sind. Zugleich stellte er in Aussicht, davon mehr liefern zu können, vor allem aber, mich gegen weitere Bezahlung zu einer „Produktionsstätte“ zu bringen. Als Beleg erhielt ich Vorab unter Anderem ein MMS-Bild mit nackten Jungen am See.

Zu diesem Zeitpunkt hielt ich meine These bereits für belegt, dass der Austausch pornografischen Materials infolge von Fahndungserfolgen sich heute sehr viel mehr auf das Handy, Telefonhotlines und sogar wieder auf postalischen Versand verlagert hat. Der klassische Internet-PC ist wie das Web „out“, zumal sich ein Handy im Verdachtsfalle auch schneller entsorgen lässt und das Web aufgrund der Anstrengungen, an denen ich aktiv beteiligt war, heute in der „Szene“ als zu „unsicher“ gilt.

Übrigens: Nur weil Herr Tauss nun 100 Euro gezahlt hat, heißt das ja nicht, dass eine Kinderpornoindustrie existiert. Ich glaube kaum, dass das im gewerblichen Sinne war.

Zudem haben die Veröffentlichungen der dänischen und australischen Sperrlisten (unter anderem übribens auf “wikileaks.org”, weshalb der Inhaber der Domain “wikileaks.de” durchsucht wurde und die Domain gesperrt (siehe netzpolitik.org, nein, ich werde nicht verlinken.)) gezeigt, dass nur ein Bruchteil der gesperrten Webseiten wirklich kinderpornographischen Inhalt aufwiesen. Auf einer der Listen soll sogar eine niederländische Spedition gestanden haben, viele Seiten waren politisch – und auf wenigen konnte man Kinderpornos finden.

Wir kommen übrigens schon mit der Sperrung von “wikileaks.de” bedrohlich nahe an China heran.
Vielleicht gewinnen wir den Wettkampf mit den Chinesen ja noch, wenn wir auch “Kinderpornographie” sperren. Hoffentlich nicht.

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5 Antworten auf Zensur!

  1. Nils Dabrock sagt:

    Und wenn wir schonmal diesen Filter haben, können wir doch in Zukunft kritische Seiten sperren; wer hindert uns?

    Wie soll diese Sperre denn eigentlich funktionieren? Es wird einen Weg geben, trotzdem diese Seiten zu besuchen.

    Außerdem wird eine solche Sperre nichts an dem Problem der Kinderpornographie ändern, der Missbrauch findet im echten Leben statt, die Publikation ist nur der Punkt auf dem i.

  2. Ben sagt:

    Gut gesagt, wie immer.

  3. Michel sagt:

    Ich denke dieser Bericht ist sehr einseitig. Die Politiker werden als böse Leute dargestellt und alles wird falsch gemacht. Ich will mich jetzt nicht nur auf die KiPo beziehen, aber meiner Meinung nach ist der Stadt legitimiert dazu Seiten zu sperren oder zu zensieren. Sonnst kann ja jeder tun, was er will, z.B. warez ins Inet stellen.

    P.s.: der Vergleich mit China ist in gar keiner Form berechtigt.

  4. Michel sagt:

    Edit: Der Staat und nicht die Stadt ;)

  5. Hugelgupf sagt:

    Naja. Der Vergleich ist doch irgendwie berechtigt. Und auch die Einseitigkeit. Denn bisher hat die Politik auf diese Berichte nicht reagiert, nirgends und nirgendwo, keine Stellungnahme, keine Gegenargumente. Man zieht einfach sein Ding blind durch, ohne dass man nach rechts und links guckt.
    Welche Staatsform haben wir übrigens? Demokratie. Herrschaft des Volkes. Wenn auch eine Repräsentative; man sollte das Volk wahrnehmen und beachten, was es wünscht.

    Das mit den Warez passt übrigens auch nicht. Hier geht es ja nicht um Warez. Hier geht es um Netzzensur. Das Problem ist doch auch u.a., dass man solche Netzsperren umgehen kann. Wer will, der kann sowieso immer. Das heißt wiederum, dass die Bundesregierung uns zwingt, wegzuschauen. Außerdem ist das doch sinnlos, der Missbrauch findet trotzdem weiter statt.

    Es spricht noch was dagegen. Das Argument kann man auch erraten, welche Organisation wird die Sperrlisten verwalten, wer lügt und fälscht Akten? Das BKA.
    Schöner Rechtsstaat. Schöne Demokratie.

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