Allgemein betrachtet scheint das bedingungslose Grundeinkommen auf den ersten Blick alle möglichen Probleme aus dem Weg zu räumen. Vor allem die Vereinfachung des Steuersystems hätte es zur Folge. Auch würde es – scheinbar – den Lebensstandard der Menschen heben. Es wäre für den Staat sogar billiger als Hartz IV, Sozialhilfe & Co.
Aber nur auf den ersten Blick, denn ich sehe ein riesiges Problem.
In dem 7-Minuten-Film auf kultkino.ch wird anhand eines Latte macchiato gezeigt, wie sich der Preis neu aufteilt. Weniger Lohnkosten, da dort Steuern entfallen, weniger Logistik-Kosten, weniger Rohmaterial-Kosten. Der Anteil der Produktionskosten (mit indirekten Steuern) am Preis wird kleiner, der Anteil der (direkten) Steuer wird größer.
Die Produktionskosten werden aber nicht weniger, wenn das Produkt im Ausland produziert wird. Beispielsweise ein Computer, der ausschließlich in China hergestellt wird. Nehmen wir an, er kostet heute 700 Euro. 588 Euro Produktionskosten, 112 Euro Steuer. Wobei die 588 Euro nicht die reinen Produktionskosten sind, sondern ein Teil davon auch an den Hersteller geht, der ja auch was verdienen will. Nehmen wir an, die Produktionskosten verringern sich um 30 Euro, da der innerdeutsche Transport billiger wird. (Ich habe leider keine Ahnung, ob die Dimensionen so stimmen. Ist aber auch egal.) Damit wären wir bei 558 Euro, auf die eine Konsumsteuer von 40% kommen. Dann kostet der PC 781 Euro. 223 Euro Steuern.
Wenn mir jemand erklärt, warum das nicht so sein wird, dann sähe ich schonmal ein Problem weniger mit dem bedingungslosen Grundeinkommen.
Wenn ein chinesische Computer statt 700 dann 781 kostet, wird das unserer Gesellschaft sicher nicht das Genick brechen. Im Gegenteil, lokale Produkte gewinnen gegenüber asiatischer Billigware wieder mehr wettbewerbsfähigkeit, was wiederum Arbeitsplätze sichert.
Ich sehe die Schwierigkeit von alleiniger Konsumsteuer mehr im freien Handel innerhalb der EU, weil Deutsche dann durch Einkäufen in Nachbarländern Steuer hinterziehen könnten. Solange es EU-Weit kein einheitliches Steuersystem gibt, befürworte ich das Grundeinkommen mit einer Kombination aus höherer Mwst. und niedriger Lohnsteuer (Flat-Tax).
Das ist ein großer Vorteil der Komsumsteuer:
Deutsche Produkte werden im Ausland noch konkurenzfähiger!
Wenn in Deutschland nicht mehr die Arbeit besteuert wird, dann werden andere Länder nachfolgen müssen und ihr Steuersystem ebenfalls in Richtung Verbrauch ändern müssen.
Bingo! Konsumsteuer bedeutet:
Importe werden teurer. Exporte werden billiger.
Und das Grundeinkommen ist dann der Konsumsteuerfreibetrag (Mehrwertsteuerfreibetrag) welcher an die Bürger ausgezahlt wird.
Du hast schon recht, aber die Finanzierung über die Konsumsteuer ist auch nur eins von vielen Modellen des Grundeinkommens, speziell das Modell von Götz Werner. (Den Film den du gesehen hast ist diesem Modell verpflichtet.)
Richtig ist, dass Exporte günstiger werden und Importe teurer. Da die Konsumsteuer nach diesem Modell die einige Steuer sein soll, könnte man einen bürokratischen Ansatz wählen (der Rest der Bürokratie wurde ja erheblich zusammengestutzt): man müsste einerseits eine Exportsteuer einführen, damit die anderen Ländern nicht protektionistisch ihre Grenzen für Waren zumachen, andererseits müsste man unterschiedliche Steuersätze für im In- und Ausland hergestellte Güter veranschlagen.
Ich persönlich favourisiere im Moment ein Modell das mit negativer Einkommenssteuer arbeitet, aber eine höheren Betrag ansetzt als Dieter Althaus mit seinem solidarischen Bürgergeld (also mehr als 600 Euro).
Siehe auch mein Blog (http://aka.blogsport.de/2009/02/21/die-befreiung-vom-primat-und-diktat-der-lohnabhaengigen-beschaeftigung-das-grundeinkommen/)
Hallo
Naja,
die Herstellungs-u.Transportkosten belaufen sich,wenn der Computer in China hergestellt wurde,ca. um 150-200 Euro,der große Rest ist Handelsspanne(Gewinn) und Mehrwehrt-o.Konsumsteuer.
Vielleicht werden unsere Produkte auch preiswerter wenn ein großer Verwaltungsaufwand wegfällt?!
Ich bin aber auch der Meinung,man sollte es machen wie in der Schweiz und dann niedrige Einkommen weniger,hohe Einkommen mehr besteuern,das Kapital nicht vergessen,und eine Bürgerversicherung einführen ,in die alle einzahlen.Dann brauchen wir nur noch eine Krankenkasse aus deren Topf eine bessere Verteilung möglich wäre.
Bei einer Finanzierung,nur durch Mehrwertsteuer,bin ich skeptisch.
MfG
Ja, aber welches Produkt wird heute noch nicht im Ausland produziert? Welcher PC kommt noch zu 100% aus Deutschland? (wahlweise TV, Radio, etc.)
@Thomas Das Modell scheint aber das Modell zu sein, das im Bundestag vorgetragen werden soll. Oder wollen die allgemein alle Modelle diskutieren?
@Franz Skeptisch bin ich bei jedem Modell. Egal wie, egal von wem.
Man muss halt abwägen, welches Modell welche Vor- und Nachteile hat und wie “schwer” diese sind. Und man muss auch die aktuelle Situation in Deutschland mit einbeziehen.
Damit kann man dann das für Deutschland beste Modell finden. Aber all diese Aspekte mit einzubeziehen wird ewig dauern – und irgendwer muss sich darum Gedanken machen, irgendwer muss diese “Arbeit” übernehmen.
Wohnraum und Lebensmittel werden (wenigstens noch teilweise) in Deutschland hergestellt. Und genau darum gehts bei der Sache auch, damit in ein paar Jahren alle Menschen SICHER ein Dach übern Kopf und was zu Essen haben.
Alles andere kommt oben drauf, wenn es ein poliisches Hindernis ist, dass der neue TV 30% mehr kostest, dann ist diesem Land echt nicht mehr zu helfen.
@Max Darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass die Menschen ihren Lebensstandard nicht verringern wollen. Und wenn das TV 30% mehr kostet, dann wird das die Menschen stören. Egal, was du für Argumente vorlegst.
poliisches = politisches
also, wenn die Produktionskosten in der BRD spürbar darüber sinken, weil alle Lohnnebenkosten wegfallen und gleichzeitig die verbleibenden Lohnkosten noch einmal sinken, weil die Arbeitenden nicht mehr darauf angewiesen sind ihre kompletten Kosten zu erwirtschaften .. kann man unter dieser Annahme nicht davon ausgehen, dass die Produktion automatisch nach oben geht, also mehr arbeitsplätze entstehen, Investoren aus dem Ausland ihre Produktion hierher verlegen?
Das ist ‘n Argument. Okay, ich überdenk mein “Problem” nochmal. :D
Da hast Du leider nicht unrecht, es wird die Menschen stören, besonders jene, die vor lauter Geiz ist geil nicht mehr wissen was qualitative Produkte sind.
Wenn heute chinesische Unterhaltungselektronik den Lebensstandard definieren soll, dann werden es morgen chinesische Nahrungsmittel sein – Mahlzeit, ohne mich.
@Max China ist ein Beispiel. Es hat eben gerade so gut gepasst.
Aber seien wir mal ehrlich: Wie viel Elektronik, wie viele Konsumgüter werden noch zu 100% oder wenigstens zu 80% hier in Deutschland hergestellt? Das ganze würde doch eine Teurung aller Konsumgüter führen. Nicht nur technisches Zeugs. Eben alle Güter, die im Ausland produziert werden. Was ja übrigens auch Nahrungsmittel sein können – z.B. Früchte oder Gemüse, das in Deutschland wegen der klimatischen Bedingungen nicht wachsen kann.
(Ich hoffe, ich schweife hier nicht zu weit ab/schreibe nicht zuu viel “Mist”. Bin schon etwas müde/unkonzentriert.)
Ich finde das ist ein interessanter Punkt. Nicht sehr neu, da es diese “Grenzgänger” ja heute schon gibt.
Was ich aber noch interessanter finde ist, dass die Leute versuchen in jedem neuen System auch noch die kleinsten und hinterletzten Fehler zu finden, und erst 110% genügen. Während das aktuelle System mit seiner Gerechtheitsquote von 10% dagegen zwar angegriffen wird, aber nie gegen ein (auch nur ein bisschen besseres) System ausgetauscht werden kann.
Dieses hängen am Alten finde ich interessant. Dennoch ist es eine schöne Gedankenübung in einem neuen System die Fehler zu finden. Die Fehler im alten System schlagen einem ja jeden Tag ins Gesicht.
Ich verurteile das aktuelle System, weil es auf dem Prinzip der Sklaverei basiert. Man zwingt Leute zum Arbeiten.
Eigentlich hast du recht. Dabei muss man aber auf die Natur des Menschen schauen: Neues wird immer erst skeptisch betrachtet. Das Alte ist man gewohnt, auch wenn es in diesem Fall verdammt kompliziert ist. Aber man hat Angst vor dem Neuen, weil es noch “mehr” Nachteile bringen könnte. Das ist jetzt aber allgemein gemeint und nicht direkt auf das bedingungslose Grundeinkommen bezogen.
Hmmmm….. das mit der Natur des Menschen ist ein Punkt. Allerdings glaube ich, dass wir – sobald wir einen Plan vorgelegt bekommen – anfangen die Schwachstellen zu suchen. Das war wahrscheinlich wichtig, wenn es noch um Mammuts fangen und Säbelzahntiger überlisten ging.
Auch heute, glaube ich, ist das noch wichtig. Auf der anderen Seite legt uns nie ein Politiker das aktuelle politische System als Plan vor. Ich glaube wir haben aktuell so viel Verschwendung im System, dass wir das nie durchwinken würden (siehe oben mit Arbeitsplätze würden hierher verlagert).
Natürlich gibt es solche Bücher – über unser politisches System – wir müssen sie nur finden. Z.B. John Rawls – A theory of justice ist der Richtstein aller modernen Demokratien. Vielleicht sollten wir uns mal mit diesen Büchern, die das aktuelle System beschreiben auseinandersetzen. Oder Skinner – Jenseits von Freiheit und Würde (heißt wirklich so) – beschreibt unser aktuelles Vorgehen bzgl. HarzIV und den oben diskutierten Themen.
Aus meiner Sicht ist das Grundeinkommen eine Schnapsidee genau wie die Bierdeckel-Steuererklärung von Merz. Hoffentlich wird beides nie Realität werden…
Aus meiner Sicht ist ein Bedingungsloses Grundeinkommen,als Basis für die Bürger,eine gute Idee!
Das wird vielen Menschen die Freiheit verleihen,das zu arbeiten,was sie wollen und die Binnenkaufkraft beleben!
Natürlich in Verbindung mit gesetzlichem Mindestlohn,Arbeitszeitverkürzung und das Verbot von Überstunden!
Andere Vorschläge,wie man diese und zukünftige Kapitalismuskrisen bekämpfen kann?
Mit noch mehr Billigjobs und Arbeitslosenzahlen-Schönrechnen bestimmt nicht!
MfG
@Martin: Auf den ersten Blick scheint es so, als wäre die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens irgendwo bei einer Runde Alkohol entstanden. Auf den zweiten Blick klingt es schon logischer, vor allem wenn man sich die Rechnungen in dem 7-Minuten-Film anschaut. Beim dritten Blick wird man wieder kritischer, so wie ich, der über Export/Import nachgedacht hat und das bG dabei als unumsetzbar abgestempelt hat. Beim vierten Blick sieht man in seiner eigenen Kritik die Vorteile.
(Irgendwie ist das mit dem Augenblick nicht mehr so wirkungsvoll, wenn man das auf vier Augenblicke ausdehnt.)
@Franz: Gesetzlicher Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung würden die Lohnkosten wieder in die Höhe treiben! Durch ersteres bekommen die bisherigen Angestellten evtl. mehr Geld, durch letzteres müssten mehr Angestellte eingestellt werden. Oder nicht?
Ich bin ja starker Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens.
Mindestlohn halte ich für durchweg falsch – zumal er ja einige Vorteile des Grundeinkommens vernichtet und es der Wirtschaft wieder schwerer macht.
Mindestlohn ist das SPD Trostpflaster, löst aber nicht wirklich Probleme – die Menschen bleiben in der Abhängigkeit und die Inflation führt den Mindestlohn innerhalb von einem Jahr ad absurdum. Dann müsste wieder nachverhandelt werden. Die Politik würde also die Rolle der Gewerkschaften übernehmen (das kann ins Auge gehen, besonders in Wirtschaftskrisen).
Gerade die Verweigerung von Mindestlohn und Arbeitszeitverkürzung hat zur Verschärfung der Krise beigetragen.
Ein gesetzlicher Mindestohn muß her,auch mit einem BGE,zumindest zum Anfang!
Sollte sich herausstellen,daß dieser nicht benötigt wird,weil die Nachfrage nach Arbeitskräften so groß wird und Firmen freiwillig gute Löhne zahlen,dann braucht man sowas ja nicht mehr!
MfG