Seine Art, sich zu entschuldigen

Wie sich mancher erinnern wird, hatte ich hier bereits über unseren Mathe-Lehrer (ich nennen ihn heute mal Herr Meyer, um die Situation besser darstellen zu können) und seine Sprüche berichtet. Gestern war er wieder ziemlich cholerisch – und heute haben wir seine “Art” sich zu entschuldigen gesehen. Nunja, ich nehme den alten Herren ja manchmal in Schutz, wenn er etwas zu weit gegangen ist – ich merke ja, dass ich ihn auch in die Kategorie “ADHS” samt Hochbegabung einordnen kann. Gestern habe ich das nicht getan – aus gutem Grund. Heute schon – denn: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.

Ich fange mal mit dem gestrigen Vorfall an: Ich sitze vorne neben dem Pult. Neben mir sitzt ein Mädchen, nennen wir sie Anne (Name ist natürlich geändert). Erste Stunde: Mathe. Zweite Stunde: Vertretungsstunde bei Herr Meyer. Okay, wir wissen, dass Herr Meyer cholerisch ist und dass diese Cholerik meistens von seiner Laune abhängt. Ich will nicht bestreiten, dass er launisch ist.

Vor der Stunde hat Anne ihr Heft aufgeschlagen und wir haben verglichen (ehrlich! Ohne Witz! Das würde ich auch unter Eid aussagen). Ich habe ihr ihre Fehler gezeigt und sie hat korrigiert. Herr Meyer stand inzwischen am Pult – Anne bemerkte das nicht. Sie sah zwei Sekunden später nur eine Hand, die alle ihre Sachen vom Tisch fegte. Herr Meyers Hand. Man hört, nachdem der Taschenrechner samt Buch und Heft gegen die Wand geflogen war, ein lautes, erschrecktes Einatmen von Anne.

“Ich habe nicht abgeschrieben!”
“Habe ich das behauptet? Du bist unhöflich! Muss ich jedes Mal mehrere Minuten warten, bis ihr alle fertig mit euren Hausaufgaben seid und dann aufstehen könnt?”

Herr Meyer konnte in diesem Moment in viele erschreckte und auch in manche grinsende Gesichter gucken. “Guten Morgen” sagte er noch, dann setzte er sich. Er bekam keine Antwort auf die Frage und man sah, dass er sich langsam wieder beruhigte. Langsam. Und man sah, dass er mit sich selber haderte, an sich selber zweifelte. Er bemerkte, dass er da einen verdammt großen Fehler gemacht hatte und er bemerkte, dass wir alle – ob wir lachten oder erschreckt aussahen – einen sehr negativen Eindruck von ihm bekamen. Er sprach nur noch kurze Sätze und ließ die Hausaufgabe anschreiben. Während des Anschreibens ging er nach hinten und setzte sich da hin. Man sah ihm an, dass es ihm Leid tat – aber er kann sich einfach nicht entschuldigen. Das kann er nicht. (Konnte ich früher auch nicht.) Danach ging er wieder nach vorne, setzte sich ans Pult. Er gab uns eine Aufgabe aus dem Buch – und ging langsam, aber zielgerichtet aus der Klasse. Er rang mit seinem Gewissen – beziehungsweise fragte er sich, was er jetzt machen sollte. In der Klasse wurde es laut – man kann sich denken, worüber diskutiert wurde. Anne war ziemlich erschrocken, wie cholerisch er sein kann. Ich zugegebenermaßen auch. “Wenn er sowas nochmal macht, dann geh’ ich zu [Klassenlehrerin]! Das kann’s doch wohl nicht sein!”.

Als er kurze Zeit später wieder reinkam, sah er schon etwas beruhigter aus. So ging es dann auch weiter, seine Laune verbesserte sich lansgam aber sicher auf “normal”. Er schien das selbst zu wollen, er schien selber am Ende der zweiten Stunde wieder gute Laune haben zu wollen; damit unser Eindruck von ihm nicht noch schlechter wird. Am Ende der zweiten Stunde konnte man wieder einen kurzen Lacher von ihm hören.

Am nächsten Morgen – also heute – , zweite Stunde, hieß es wieder: Mathe. Er kam herein, mit einem Grinsen auf dem Gesicht. Mir schien es hinterher, dass er sich seine Sätze genau überlegt hat. Er lächelte uns an – so wie immer, wenn er gut drauf ist – und sagte “Guten Morgen”, setzte sich hin. Er war schon fast am Lachen: “Naa, heute sind alle Sachen auf dem Tisch geblieben!”. Ich muss zugeben: Für Anne muss es sich demütigend angefühlt haben. Denn es haben viele mitgelacht. Leise sagte sie “Ich find’ das nicht lustig”. Ehrlich? Fände ich in der Situation auch nicht lustig. Nachdem er sich von dem Lachen etwas beruhigt hatte, sprach er in der dritten Person über sich (trotzdem noch unter Lachen): “Ist der Meyer gestern ausgerastet!”. Ich musste ihr erklären, dass die Lache nicht demütigend gemeint war – eher so, dass sie es mit Humor nehmen sollte. Vorne saß noch jemand anderes, der gestern nicht da war: “Versteh’ ich jetzt gar nicht so…” Er meinte nur: “Gut, dass DU gestern nicht da warst!”. Auch unter Lachen.

Als er sich dann ganz vom Lachen beruhigt hatte und zur Hausaufgabe überging, meinte ich nur leise zu Anne:
“Ich glaube, das war jetzt seine Art, sich zu entschuldigen. Direkt kann er das nicht. Aber so ist das wenigstens etwas.”
“Ich bin ein guter Christ. Ich verzeihe.”

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6 Antworten auf Seine Art, sich zu entschuldigen

  1. rip sagt:

    Mann, seid ihr nett. Wirklich :)
    Choleriker oder nicht – wer heutzutage als Lehrer darauf beharrt, dass Schüler bei seinem Eintritt ins Klassenzimmer wie die Zinnsoldaten hochschießen, der ist geistig im 18. Jahrhundert verankert. Du liebe Güte!
    Bei mir müssen die Schülerinnen auch aufstehen, aber wenn das eine Weile dauert – was macht das schon?
    Zu deiner Analyse (Choleriker) möchte ich hinzufügen: Der Mann ist außerdem hochgradig unhöflich. So benimmt man sich nicht, egal gegen wen.
    Schönen Gruß – auch an “Anne” :)

  2. Hugelgupf sagt:

    Wir sind so nett, weil wir ihn eigentlich für einen guten Lehrer halten.
    Bei uns beharren alle Lehrer darauf, dass wir stehen. Wir sollen nicht hochschießen, aber doch irgendwie stehen, wenn der Lehrer vorne angekommen ist (Erklärung: Tür ist hinten, Pult ist vorne).

    So ist es leider. Aber das sind wohl oder übel Kurzschluss-Reaktionen. Und das mit dem Entschuldigen wird er wohl auch nicht mehr lernen… oder nur sehr langsam. Er ist eben schon alt. (Ja, das ist keine Entschuldigung dafür.)

    Danke – auch wenn sie nicht mitliest. Es weiß ja keiner vom ADHS ;)

  3. Eknoes sagt:

    Also wir mussten immer nur in der 5. – nicht bei allen – aufstehen.

  4. Hokey sagt:

    Lachen die anderen wirklich, weil sie es lustig finden?

  5. Hugelgupf sagt:

    Nunja, warum sollten sie sonst lachen? Es war auf jeden Fall kein Auslachen…

  6. Pfennig sagt:

    Also wir müssen immer und bei jedem Lehrer aufstehen (9. Klasse).
    Zum Teil ist Anne aber auch selbst Schuld wenn sie nicht bemerkt, dass sie aufstehen muss, da der Lehrer angekommen ist – auch wenn des Verhalten von Mr. Meyer übertrieben ist.

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